9

 

Kaawa trat geistesgegenwärtig zur Seite, als ich an ihr vorbei aus dem Zimmer stürmte. Kurz vor Kostya, der breitbeinig und mit verschränkten Armen dastand, blieb ich stehen. Sein Gesicht war wutverzerrt, während Cyrene auf ihn einschrie.

»... es ist mir egal, ob er dein Bruder ist - ich war als Erste hier, und das bedeutet, dass du dir eine andere Unterkunft suchen kannst.«

Einen Moment lang bewunderte ich ihr Aussehen. Ihre Augen leuchteten vor Wut und sie wedelte wild mit den Händen, während sie Kostya Anklagen entgegenschleuderte.

»Du bist mir hierher gefolgt. Gib es zu - du bist mir gefolgt, damit du ohne Entschuldigung wieder bei mir sein kannst.«

»Ich bin dir nicht gefolgt«, grollte Kostya. »Ich bin zu meinem Bruder gekommen - mein Bruder -, weil mir nichts anderes übrigblieb, du irre Najade, und nicht, weil ich dir gefolgt bin.«

»Nun, darüber solltest du noch mal nachdenken, Konstantin Fekete«, sagte Cyrene, die sich von ihrer Argumentation nicht abbringen ließ. »Ich habe nämlich gesagt, dass ich mit dir fertig bin, und das bin ich auch. Es ist vorbei, kapiert? Vorbei!«

»Ich bin nicht hier, weil ich dich wiedersehen wollte!« Langsam verlor Kostya die Geduld. Er beugte sich vor und brüllte Cyrene ins Gesicht: »Im Gegenteil, wenn ich dich nie wiedersehen müsste, würde ich glücklich sterben!«

»Du kannst gerne sterben, du hassenswerter, feuerspeiender Drache!«, schrie Cyrene zurück. »Ist es denn zu fassen! Wenn es nach mir ginge, würde ich dich ertränken in einem ...«

»Ich glaube, das reicht jetzt, Cy«, unterbrach ich sie. Ich ergriff sie am Arm und zog sie von Kostya weg. »Unabhängig von euren Beziehungsproblemen hat Kostya durchaus das Recht, in Drakes Haus zu sein.«

»Aber ... aber ...«, stammelte sie.

»Und du solltest nicht vergessen, dass Drake uns allen freundlicherweise gestattet hat, hier zu wohnen.« Sie grummelte, begnügte sich aber damit, Kostya mörderische Blicke zuzuwerfen. Ich fragte ihn: »Was meinst du denn damit, dass dir nichts anderes übriggeblieben ist? Ich dachte, du hättest ein Haus in London?«

»Das hat er auch«, sagte Cyrene und blickte ihn hochmütig an. »Es ist allerdings nicht besonders schön.«

»Cy«, sagte ich und warf ihr einen warnenden Blick zu.

Schniefend wandte sie sich ab und tat so, als sei sie an einem Gemälde an der Wand interessiert.

»Mein Haus, mein absolut schönes Haus mit einer teuren Alarmanlage, die ich installiert habe, nachdem wiederholt in meine Schatzkammer eingebrochen worden ist ...« Kostya warf mir einen vielsagenden Blick zu und schwieg einen Augenblick, um die Dramatik seiner Äußerung zu unterstreichen. »Mein reizendes, gut eingerichtetes Haus wurde in der letzten Nacht zerstört. Als ich vom Flughafen kam, fand ich nur noch die verkohlten Überreste dieser einst so begehrenswerten Residenz vor. Alles war mit rotweißem Band abgesperrt und einige äußerst gründliche Brandermittler wollten wissen, wo ich mich in den letzten fünf Stunden aufgehalten hätte. Das, mein nerviger kleiner Wassergeist, ist der Grund, warum ich hier bin.«

Cyrene erstarrte, als er sie Wassergeist nannte, aber ein warnender Druck auf ihren Arm ermahnte sie zu guten Manieren, und murrend sank sie auf einen Stuhl in der Ecke. Die ganze Zeit über bedachte sie ihren ehemaligen Freund mit Blicken, die einen Sterblichen wahrscheinlich umgebracht hätten.

»Dein Haus ist niedergebrannt? Was - oh, das tut mir leid. Kostya, kennst du Kaawa, Gabriels Mutter?«

Kostya erstarrte einen Moment lang, dann drehte er sich um und schenkte Kaawa ein aufgesetztes Lächeln. Er verbeugte sich tief, wobei er sagte: »Ich hatte noch nicht das Vergnügen, allerdings bin ich ihrem Gefährten häufiger begegnet.«

Kaawa war an der Treppe stehen geblieben und hatte die Szene beobachtet, gemeinsam mit Jim, der anscheinend von dem Lärm aufgewacht war. Jetzt trat sie auf Kostya zu. Sie musterte ihn freundlich. »Ja, ich erinnere mich. Du hast ihn zweimal fast umgebracht.«

»Wie peinlich«, sagte Jim und schnüffelte an Kostyas Schuhen. »Heya, Kostya. War es schön in Paris?«

»Er war nicht in Paris, neugieriger Dämon«, sagte ich. »Er war mit uns in Lettland, weißt du nicht mehr?«

»Doch, doch. Aber du kannst mir nicht erzählen, dass er in den letzten zwölf Stunden nicht in Paris war, denn nur die Stadt der Lichter hinterlässt so einen stechenden Geruch auf Schuhen.«

Kaawa und ich blickten Kostya an, der sich andächtig einen Fussel vom Ärmel zupfte.

»Bist du über Paris geflogen?«, fragte ich.

»Du kapierst es nicht, May«, sagte Jim, bevor Kostya antworten konnte. »Er war in Paris. In der Stadt, nicht am Flughafen. Er ist im ...« Er schnüffelte erneut an Kostyas Schuh. » Riecht wie das Vierzehnte Arrondissement.«

»Ich glaube nicht, dass es ein Gesetz gibt, das es einem verbietet, nach Paris zu fahren«, erklärte Kostya trocken.

»Nein, natürlich nicht«, stimmte ich ihm zu. »Du hast nur so getan, als seiest du aus Lettland direkt nach England zurückgekommen. Apropos, was macht deine Schatzkammer?«

Er kniff die Augen zusammen. »Warum fragst du?«

»Wenn dein Haus abgebrannt ist, war wahrscheinlich dein Schatzkammer in Gefahr. Es sei denn, sie befindet sich tief in der Erde und ist vollständig geschützt vor allem außer der Zerstörung des gesamten Planeten, wie die von Gabriel.«

Seine Nüstern blähten sich. »Gabriel hat eine Schatzkammer in London? Ich dachte, sie sei in Neuseeland?«

Verdammt. Vielleicht sollte es ja niemand wissen, dass Gabriel eine Schatzkammer hatte. Allerdings konnte Kostya mit der Information sowieso nichts anfangen; die Schatzkammer war gut geschützt, auch wenn das Haus darüber eingestürzt war. »Er hat einen neuen Tresorraum für die Stücke des Drachenherzens bauen lassen, die wir im Moment sammeln.«

»Interessant«, sagte er und wandte sich ab, als Drake auftauchte.

»Du hast meine Frage nicht beantwortet«, sagte ich.

»Dessen bin ich mir bewusst.« Er trat auf seinen Bruder zu, um ihn zu begrüßen, und ließ uns links liegen.

»Als wenn wir unwichtige Stechmücken wären«, rief Cyrene aus ihrer Exil-Ecke und warf seinem Rücken giftige Blicke zu. »Wie im Namen Neptuns soll ich es nur in einem Haus mit dem da aushalten?«

»Was ist an Paris so interessant?«, überlegte ich laut. Ich fragte mich, ob Kostya meine Frage deshalb nicht beantwortete, weil Drachen es hassten, direkte Fragen zu beantworten, oder ob es einen anderen Grund gab. »Cy, hat Kostya ein Haus in Paris?«

»Das weiß ich doch nicht.« Sie schniefte gereizt und setzte lauter hinzu: »Ich habe alle Tatsachen aus meinem Kopf verbannt über diesen verabscheuungswürdigen, hassenswerten, janusköpfigen, heuchlerischen, selbstverliebten, verräterischen ...«

»Ich glaube, du hast deinen Standpunkt klargemacht«, sagte ich.

»Du hast schleimig, unehrenhaft und nicht vertrauenswürdig vergessen«, sagte Jim zu Cyrene.

»... schleimigen, unehrenhaften und nicht vertrauenswürdigen Drachen«, schrie Cyrene.

Kostya erstarrte.

»Ich gehe jetzt schwimmen«, fügte sie hinzu. Sie sprang auf und stampfte auf die Treppe ins Untergeschoss zu.

»Ertrink nicht«, sagte Kostya zuckersüß.

Sie blieb stehen und funkelte ihn finster an. »Ach, blas es dir doch aus deinem ... deinem ... Feuerloch, Drache!«

»Man muss ihr wirklich die Höchstpunktzahl geben«, sagte Jim und schaute ihr nach.

»Dein Zwilling ist sehr interessant«, sagte Kaawa nachdenklich. »Überhaupt nicht wie du.«

»Um mich zu erschaffen, hat sie ihren gesunden Menschenverstand geopfert. Das erklärt vieles. Und wenn man sie erst einmal kennt, ist sie wirklich eine reizende Person«, erwiderte ich. Ich hatte auf einmal das Bedürfnis, meinen Zwilling zu verteidigen, auch wenn sie mir manchmal auf die Nerven ging. »Im Moment ist sie ein bisschen emotional, aber wenn sie sich erst wieder beruhigt hat, wirst du sehen, dass wir gar nicht so unterschiedlich sind.«

Kaawa kommentierte meine Äußerung nicht.. Stattdessen murmelte sie, sie müsse ein paar Bekannte anrufen und verschwand nach oben in ihr Zimmer.

»Jim, hat Kostya ein Haus in Paris?«, fragte ich den Dämon. Vielleicht wusste er es ja.

»Nicht dass ich wüsste«, sagte Jim und schnüffelte an der Stelle, wo Kostya gestanden hatte. »Wenn er dort ist, wohnt er in Drakes Haus.«

»Was fand Kostya denn dann so unwiderstehlich in Paris, dass er seinen Besuch dort geheim halten wollte?« Eigentlich dachte ich nur laut und erwartete gar keine Antwort, aber zu meiner Überraschung half Jim mir auf die Sprünge.

»Du stellst die falsche Frage«, sagte er.

Ich blickte zu Kostya und Drake, die sich leise miteinander unterhielten. Drake nickte zu etwas, das sein Bruder sagte; dann trennten sich die beiden. Drake ging nach unten, während Kostya nach oben eilte. Ich wartete, bis beide nicht mehr zu sehen waren, dann wandte ich mich an den Dämon. »Du kommst mir eigentlich nicht so vor, als würdest du dich immer streng an die Dämonenregeln halten.«

Jim zuckte mit den Schultern. »Ich bin ein Dämon sechster Klasse.«

»Gefallener Engel, ich weiß. Du bist nicht in Abaddon geboren, und deshalb bist du das schwächste aller dämonischen Wesen.«

»Wir sagen lieber ›harmlos‹ statt ›schwach‹«, sagte Jim schniefend.

»Entschuldigung, harmlos. Na gut, da du dich ja unbedingt an die Regeln halten willst, die besagen, dass ein Dämon nur dann Informationen liefern kann, wenn er direkt danach gefragt wird, wollen wir doch mal zwanzig Fragen spielen.«

Jim wackelte mit den Augenbrauen. »Wie wäre es mit der Stripversion? Wenn du die falsche Frage stellst, musst du ein Kleidungsstück ausziehen.«

Ich zog mein Messer aus dem Knöchelhalter.

»Ach, die normale Version ist auch ganz in Ordnung«, sagte er rasch und wich einen Schritt zurück.

Lächelnd steckte ich das Messer wieder weg. »Dann fangen wir mal an mit: Welche Drachen leben ins Paris?«

»Du machst wohl Witze, was? Das müssen Hunderte sein.«

»Na gut, dann engen wir es ein.« Ich überlegte. »Welche Drachen, die in Paris leben, kennst du?«

»Die ich persönlich kenne?«, fragte er und legte sein Gesicht in Falten.

»Die du kennst, die ein Haus in Paris haben.«

»Nun, da ist Drake.«

»Noch jemand anderer?«

Jim überlegte. »Grüne Drachen oder andere Sippen?«

»Alle Drachen.«

»Nur Vollblut-Drachen oder auch Halbblute?«

Einen Moment lang schloss ich die Augen. »Alle Drachen.«

»Das sind aber viele«, entgegnete er.

»Na gut. Dann beginnen wir mit Drachen, die Kostya kennen könnte.«

»Hmm.« Jim verzog nachdenklich das Gesicht. »Lebend oder tot?«

»Jim!«, grollte ich.

»Ich versuche ja nur, auf den Punkt zu kommen«, sagte er beleidigt.

Ich holte tief Luft. »Ich möchte wissen, welche Drachen, die Kostya kennt, in Paris leben. Lebende Drachen, von jeder Sippe, jeder Abstammung, außer Drake.«

»Hör mal, du wirst knallrot. Vielleicht solltest du mal deinen Blutdruck prüfen lassen ...«

Ich ließ ihn nicht mehr aussprechen, sondern verwandelte mich in Drachengestalt, schlang meinen Schwanz um den Dämon und hob ihn hoch.

»Fiat lebt dort!« Die Worte sprudelten nur so aus dem Mund des Dämons. »Er hat ein Haus dort.«

»Wo?«

»Woher soll ich ... «

Ich hängte ihn mit dem Kopf nach unten.

»Linkes Seine-Ufer, linkes Seine-Ufer. Aah! Mir läuft das ganze Blut in den Kopf! Ich werde ohnmächtig!«

»Wo genau am linken Seine-Ufer?«

»Rue Delambre, in der Nähe der Rosebud Bar, wo Orson Welles früher verkehrte. Kannst du mich jetzt wieder runterlassen? Ich sehe schwarze Punkte.«

»Welches Arrondissement?«

»Vierzehntes. Alles wird schwarz ...«

Ich verwandelte mich wieder zurück, und da ich jetzt keinen Schwanz mehr hatte, stürzte der Dämon aus mehreren Metern Höhe mit einem lauten Krachen auf den Marmorboden.

Er hob den Kopf und blickte mich finster an. »Du hättest mich wenigstens vorher absetzen können.«

Ich lächelte und klopfte ihn ab, als er sich aufrappelte. »Und du hättest meine Fragen schon vor fünf Minuten beantworten können. Dann hat Kostya also Fiat besucht, was?«

»Nicht unbedingt«, sagte Jim. »Ich habe nur gesagt, dass Fiat ein Haus dort hatte.«

»Glaubst du, dass Bastian es übernommen hat?«

Er zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich glaube, ich habe mir auf die Zunge gebissen, als du mich fallengelassen hast. Blutet sie?« Er streckte seine Zunge heraus.

»Nein«, erwiderte ich. Warum mochte Kostya den Besuch bei Fiat geheim halten wollen? »Ich frage mich, ob es irgendetwas mit dem sárkány morgen zu tun hat.«

»Kann schon sein, Schwester«, sagte Jim.

»Hör auf, mich so zu nennen. Ich bin nicht deine Schwester.« Ich blickte auf die Uhr.

»Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du machst dir Sorgen«, sagte Jim und legte den Kopf schief. »Du hast diesen verkniffenen Ausdruck, den Aisling manchmal hat, und da ich so fabelhaft bin, kann es ja wohl mit mir nichts zu tun haben. Was ist los?«

»Gabriel«, sagte ich abwesend. »Und du kannst dir deine Kommentare gleich verkneifen. Er hätte längst anrufen sollen.«

»Bist du eifersüchtig?«, fragte Jim. »Glaubst du, er macht mit einem anderen Drachen rum? Glaubst du, er und Tipene machen einen drauf, während du hier lernst, wie man einen nahrhaften, schönen Fleischklops aus Hamburgern und ein paar Stücken Drachenherz herstellt?«

»Natürlich bin ich nicht eifersüchtig«, sagte ich rasch. »Ich vertraue Gabriel voll und ganz.«

Jims Mundwinkel zuckten.

»Worauf sollte ich denn eifersüchtig sein?«, fuhr ich fort. »Er vertraut mir genauso wie ich ihm. Nein, er würde nie mit jemandem wie Fiat rummachen. Und damit meine ich nicht, dass er bisexuell ist.«

Jim, der gerade etwas sagen wollte, klappte grummelnd den Mund wieder zu.

»Gabriel ist ein ehrenhafter Mann«, stellte ich klar. »Er würde mich nie auf diese Art und Weise betrügen.«

»Wahrscheinlich kann er gar nichts dagegen machen. Frauenmagneten wie er müssen für gewöhnlich die Mädchen mit einem großen Stock abwehren. Ich weiß das, ich habe es bei Drake gesehen. Aisling zündet ständig die Haare von irgendeiner Frau an, die Drake zu sehr anstarrt.«

»Ach, hör doch auf. Gabriel sieht zwar gut aus, aber die Frauen stürzen sich ja nicht gerade auf ihn. Und ich bin nicht Aisling.«

Jim zuckte mit den Schultern. »Leugnen hilft auch nichts.«

»Was soll das denn heißen?«, fragte ich gereizt.

Jim stieß einen leisen Pfiff aus. »Ich habe gesehen, wie sterbliche Frauen Gabe ansehen - er zieht Frauen absolut an wie ein Magnet. Wenn er mein Drache wäre, würde ich ihn nicht allein auf Horden lustgesteuerter Frauen loslassen.«

»Horden von Frauen«, schnaubte ich. Der Dämon wollte mich doch nur ärgern. Allerdings erinnerte mich auch das Stück Drachenherz daran, wie gut Gabriel aussah. Nein, gut aussehend war nicht ganz das richtige Wort - seine Quecksilber-Augen und der warme Milchkaffee-Ton seiner Haut ließen meinen Atem stocken. Dazu noch seine Grübchen, von denen mir die Knie weich wurden, ein ansteckendes Lachen und ein anmutiger, kraftvoller Körper. Aber das waren alles Äußerlichkeiten - was mich wirklich an ihn band, war sein Wesen, sein Selbstgefühl, dieses unbeschreibliche Drachensein, das mich gefangen nahm. Und wenn es auf mich diese Wirkung hatte, welche Chance hätten dann sterbliche Frauen dagegen? Mein Gefährte, knurrte das Drachenherz, und einen Moment lang überlegte ich ernsthaft, zu Gabriel zu fliegen, um jede Frau in Brand zu setzen, die in seiner Nähe war.

»May? Alles okay? Deine Augen sind auf einmal so komisch, so wie Drakes, wenn er zum Drachen wird.«

Als ich Jims Stimme hörte, kam ich wieder zu Verstand. Blinzelnd stellte ich fest, dass meine Handflächen so wehtaten, weil sich meine Klauen in die Haut gebohrt hatten. Entschlossen verwandelte ich meine Hände wieder zurück und rieb die roten Stellen. »Alles in Ordnung. Ich ... ich habe nur nachgedacht. Du hast noch nicht gesehen, wie sich Frauen tatsächlich auf Gabriel gestürzt haben, oder?«

»Oh nein, du bist überhaupt nicht eifersüchtig«, antwortete der Dämon grinsend.

»Du hast es schon gesehen?« Wut schoss durch mich hindurch. »Wer?«

»Wer was?«, fragte Cyrene, die gerade die Treppe hinaufkam.

»Nichts.« Ich warf Jim einen finsteren Blick zu. »Ich dachte, du wolltest schwimmen gehen.«

»Das war ich auch, aber Aisling brauchte den Pool. Die Hebamme ist da, und sie meinte, es würde die Dinge vielleicht beschleunigen, wenn sie ein bisschen im Wasser herumtreiben würde.« Sie seufzte. »Und dieser schreckliche Kerl ist mit ihr und Drake da unten. Von wem hast du gesprochen?«

»Von niemandem«, sagte ich rasch, aber nicht rasch genug.

»Sie regt sich auf, weil Gabe da draußen alleine rumläuft.«

»Ich rege mich überhaupt nicht auf«, erwiderte ich grimmig. »Ich habe dir gerade erklärt, dass ich Gabriel völlig vertraue.«

»Ja, aber du musst dir ja um ihn keine Sorgen machen«, warf Cyrene zu meinem Entsetzen ein.

»Ich bin nicht eifersüchtig«, beharrte ich.

»Das sage ich ja gar nicht. Gabriel ist dir treu ergeben. Das sieht doch jeder.«

»Es freut mich, dass du meiner Meinung bist«, sagte ich, froh, dass das Thema jetzt endlich geklärt war. Ich befahl dem Stück Drachenherz, es solle sich wieder zur Ruhe begeben. Jetzt konnte ich mich endlich den Dingen widmen, die ich erledigen wollte, bevor Gabriel zurückkehrte.

»Andererseits würde ich auch nicht behaupten, dass andere Frauen das respektieren«, fuhr Cyrene nachdenklich fort. »Er ist ein attraktiver Mann, ein sehr attraktiver Mann. Mit diesen Augen, diesen Grübchen und diesem wirklich schönen Brustkorb ...«

»Ich wäre dir dankbar, wenn du aufhören könntest, den Brustkorb meines Gefährten anzustarren«, stieß ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Nun, du kannst vielleicht mich daran hindern, May, aber nicht den Best der Welt. Und glaub mir, anderen Frauen ist sein Brustkorb bestimmt auch schon aufgefallen.«

Ich schaute erschrocken. »Habt ihr zwei euch verabredet, um mich vor Eifersucht wahnsinnig zu machen?«, fragte ich.

»Natürlich nicht. Sei nicht albern«, erwiderte Cyrene. »Ich versuche dir doch nur zu erklären, dass die sterblichen Frauen der Welt es ihm schwer machen werden, dich nicht zu betrügen.« Sie überlegte einen Moment lang. »Und einige der unsterblichen Frauen auch.«

»Im Gegenteil, ich werde meiner süßen May treu sein, wenn sie sich mir jemals hingibt«, sagte Magoth, der gerade aus dem Wohnzimmer kam. Er zögerte einen Moment, dann fügte er hinzu: »Treu ist vielleicht nicht das beste Wort. Sagen wir stattdessen vielleicht besser ›ergeben‹, da mich ja die sterbliche und unsterbliche Welt absolut unwiderstehlich findet.«

»Wir haben nicht von dir geredet.« Cy warf Magoth einen verweisenden Blick zu, den dieser allerdings nicht bemerkte, weil er damit beschäftigt war, Jim böse anzustarren.

»Warum ist eigentlich ständig dieser Dämon bei dir?«, fragte er mich. »Du bist die Gemahlin eines Dämonenlords, nicht selber ein Dämonenlord. Es ist unpassend, dass ein Dämon sechster Klasse dich begleitet. Wenn du einen Begleiter haben möchtest, dann kannst du dir einen meiner Zorndämonen nehmen.«

»Oh, klar, als ob Drake einen Zorndämon in seinem Haus dulden würde«, knurrte Jim.

»Ich kümmere mich um Jim, weil seine Herrin beschäftigt ist. Das weißt du sehr wohl, schließlich habe ich es dir bereits erklärt. Wirklich, Magoth, ist es zu viel verlangt, dass du mir zuhörst?«

»Ja«, erwiderte er unverblümt. »Ich ziehe Taten vor. Lass uns Sex haben, und danach werde ich jedem Wort von dir lauschen.«

»Es reicht. Meine Geduld ist am Ende«, sagte ich und ergriff meine Tasche. »Ich gehe nach Hause - in das, was noch davon geblieben ist -, weil die Polizei und die Brandermittler mit mir sprechen wollen. Hoffentlich haben wenigstens ein paar unserer Dinge das Feuer überstanden.«

»Ich komme mit dir«, sagte Cyrene schnell und ergriff ihren Mantel.

»Es wäre vermutlich besser, wenn ich das allein erledige.«

»Ja«, sagte Jim zu ihr. »Du siehst nur die Pfützen, die die Feuerwehrleute überall hinterlassen haben, und willst am Ende noch darin plantschen.« »Du kommst auch nicht mit«, sagte ich zu dem Dämon.

»Warum denn nicht?« Er riss die Augen auf. »Ich bin auch ganz artig! Ich verspreche es!«

»Du weißt ja noch nicht einmal, was ›artig‹ heißt«, sagte ich sarkastisch.

Jim zog einen Schmollmund. »Nein, aber ich kann so tun als ob.«

»Ach komm, das wird bestimmt lustig. Nur wir drei«, sagte Cyrene. Als ich zögerte, jammerte sie: »Ich will auf keinen Fall mit dem Rattenbastard hier allein bleiben.«

»Fällt dir kein besseres Schimpfwort für mich ein als Rattenbastard?«, fragte Magoth, der müßig einen Stapel Post durchsah, der auf einem kleinen Tisch in der Diele lag. Er hielt einen Umschlag gegen das Licht. »Du warst doch früher so erfinderisch.«

»Nicht jedes Gespräch dreht sich um dich«, erwiderte Cyrene empört. »Ich habe meinen Freund gemeint. Meinen Ex-Freund. Und mit dem will ich wirklich nicht alleine sein.«

Magoth öffnete einen Brief und überflog den Inhalt. Kurz überlegte ich, ob ich ihn zurechtweisen sollte, aber dann dachte ich, dass die wirklich wichtige Post mittlerweile bestimmt schon bei Aisling oder Drake angekommen war.

»Das Haus explodiert beinahe vor Leuten«, sagte ich zu Cyrene. »Du bist also wohl kaum allein mit ihm.«

»Du weißt, was ich meine. Bitte, Mayling.«

»Ich liebe dich schon so lange. Bitte nimm mich mit«, bettelte Jim.

»Unwichtige kleine Angelegenheiten.« Magoth warf den Brief wieder auf den Tisch und blickte mich an. »Wohin gehen wir?«

»Wir gehen nirgendwo hin. Ich gehe zur Polizei. Wenn ihr zwei unbedingt mitkommen wollt, dann kommt meinetwegen mit, aber, Jim, in Gegenwart von Sterblichen musst du absolut still sein.« Ich öffnete die Tür und trat in den trüben, regnerischen Tag hinaus. »Cyrene, du denkst bitte daran, dass du Drakes Gast bist. Rede von seinem Bruder nicht als Bastard.«

Sie schnaubte nur.

»Lass mich mal nachdenken ... Ich soll eine neue Hahnenkampf-Arena eröffnen, aber das ist erst heute Abend«, sagte Magoth mit einem Blick auf seine Armbanduhr. »Und mein Termin für eine Brazilian-Wax-Behandlung ist am frühen Nachmittag. Dann findet eine private Auktion von Zirkus-Freak- Erinnerungsstücken statt - aber die kann ich aufschieben, da die Besitzerin, ein köstlich bösartiger Poltergeist, sich von mir zeigen lassen will, wie man eine wirklich effektive eiserne Jungfrau entwirft. Ja, ich kann dich jetzt begleiten, Gemahlin, obwohl wir uns beeilen müssen, wenn du anschließend noch Sex haben möchtest. Wenn es um die Fleischeslust geht, lasse ich mich nicht gerne hetzen.«

Ich starrte Magoth an. »Du bist eine entsetzliche Nervensäge, was?« Einen Moment lang schloss ich die Augen und kämpfte gegen meine Wut und gegen das Stück Drachenherz an, das mich zwingen wollte, in Kontakt zu Magoth zu treten. Entschlossen wehrte ich mich dagegen. »Ich gehe jetzt. Und du hör auf, mich ›Gemahlin‹ zu nennen.«

Ich marschierte die Treppe herunter und kümmerte mich nicht mehr darum, wer mir folgte und wer nicht.

»Ich dachte, Hahnenkämpfe wären illegal?«, hörte ich Cyrene fragen, als ich an einer roten Fußgängerampel stehenblieb.

»Sterbliche sind in solchen Dingen immer so rigoros«, antwortete Magoth. Er stand offenbar direkt hinter mir, denn mein Rücken kühlte um einige Grad ab. »Aber man muss sich seinen Spaß holen, wo man ihn kriegen kann, wenn schon Menschenkämpfe nicht erlaubt sind.«

»Ich nehme alles zurück, was ich über dich gesagt habe, als du mich nicht hören konntest«, sagte Jim leise und warf verstohlen einen Blick auf Magoth. »Du bist nicht annähernd so schlimm wie ein echter Dämonenlord.«

Die Fahrt zur Polizeiwache war lang. Ich ermahnte alle Mitglieder meiner kleinen Truppe nachdrücklich, sich zu benehmen.

»Kein Wort vor einem Sterblichen«, sagte ich zu Jim, wobei ich den Taxifahrer im Auge behielt. Er hatte ein kleines tragbares Radio, aus dem laute östliche Musik drang, also konnte er mich wohl nicht hören.

Jim seufzte und warf mir einen gequälten Blick zu. »Ein einziges Mal möchte ich irgendwo hingehen, ohne dass mir jemand sagt, ich solle meinen Mund halten.«

»Dieser Tag wird niemals kommen. Und du ...« Ich schob Magoths Hand von meinem Oberschenkel und fixierte ihn mit einem strengen Blick. »Du weißt, was Gabriel dir angedroht hat, wenn du mich noch einmal berührst.«

Am liebsten hätte ich Magoth persönlich in die Schranken gewiesen, aber es hatte ja keinen Zweck. Theoretisch war er immer noch mein Arbeitgeber, und ich besaß zwar seine Macht, aber er wusste ganz genau, dass ich sie nie einsetzen würde.

Er warf mir einen koketten Blick zu und lümmelte sich breitbeinig auf seinem Sitz. »Und was tust du, wenn ich brav bin, meine Süße? Belohnst du mich dann?«

»Wie soll ich dich denn belohnen?«

Er warf mir einen Blick unter halb verhangenen Lidern zu, und ich musste mich ungeheuer anstrengen, um das Stück Drachenherz in Schach zu halten. »Spielst du ein bisschen mit mir? Sagen wir heute Abend? Um zehn? In deinem Zimmer? Und bring deine Drachenschuppen mit.«

»Iiih«, sagte Jim schaudernd. »Das geht ja gar nicht! Ein Dämonenlord und ein Drache.«

»Keine Sorge, es wird auch nicht passieren«, beruhigte ich ihn. »Magoth wird sich benehmen.«

Magoth betrachtete andächtig seine Fingernägel und sagte gleichmütig: »Du kannst dir nicht sicher sein. Ich habe gehört, dass die sterbliche Polizei Brandstiftung sehr ernst nimmt.«

»Das wagst du nicht«, sagte ich wütend.

»Ach nein?« Er zog die Augenbrauen hoch und warf mir einen langen, kühlen Blick zu. »Vielleicht nicht. Aber vielleicht solltest du die Einladung für heute Abend noch einmal bedenken. Damit könntest du mich für eine Weile zufriedenstellen.«

Ich knirschte mit den Zähnen, verärgert darüber, dass ich mit ihm handeln musste, aber es blieb mir wohl nichts anderes übrig. »Gut, dann komm um zehn in mein Zimmer, damit ich dich durch die Gegend schleudern kann. Und bring eine Großpackung Aspirin mit, denn ich habe vor, dich für Stunden auszuschalten.«

Er erschauerte vor Entzücken und stürzte sich plötzlich auf mich. Seine Finger gruben sich in meine Arme, als er mich zu sich heranzog und küsste. Das Stück Drachenherz erwachte brüllend zum Leben, und ich gab mich seinen Lippen und seiner Zunge hin, aber im gleichen Moment erschauerte mein Herz und schreckte zurück. Der Mund, der sich auf meinen Lippen bewegte, war nicht warm, und der schlangengleiche Tanz der Zunge erregte mich nicht. Die schwarzen Augen, die sich in meine brannten, wärmten mich nicht. Mit aller Kraft schob ich Magoth von mir weg.

»Dafür bringt Gabriel dich um«, sagte ich und wischte mir den Mund ab.

Ein Lächeln breitete sich langsam auf Magoths Gesicht aus. »Das soll er mal versuchen.«

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